Das Porträt von Esther Das schwarze Heft

Das Leben im Schloss: Werke und Kinder

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Episode II - Seitenzahl 78

Das Schloss von Brissac liegt in einem kleinen Ort in der Nähe von Angers im Departement Maine-et-Loire. Bei den Kindern, die zwischen den Kisten spielen, handelt es sich um Elvire und Gilles de Brissac. Sie haben während des Krieges in dem Schloss gelebt und waren mit den Werken und den dafür zuständigenden Mitarbeitern der französischen Museen in Kontakt. Später wird die Schriftstellerin Elvire de Brissac ihre Erinnerungen an diese Zeit aufschreiben.

Souvenir d’Elvire de Brissac
(Source : La suite des temps, Duc de Brissac, Grasset, 1974)

Château de Brissac
© Photo, Manfred Heyde

Brissac, 1943: Der große Salon des Schlosses wird zu einer Arche Noah: In den riesigen Kisten versteckt haust der Zweiköpfige Drache und die Riesenschildkröte, die gewundene Schlange und der Mann mit Kristallohren. Außer meinem Bruder Gilles und mir ahnt niemand etwas von dieser Menagerie. Sie offenbart sich nur diesen zwei Kindern, die sich an verborgenen oder verbotenen Orten verkriechen: Unter Möbeln, in den hintersten Winkeln, in Räumen, die angeblich verschlossen sind, aber kein Schlüssel, kein Riegel, kein Schloss hindert uns Helden daran, mit gezücktem Schwert gegen die Monster zu kämpfen oder uns vor ihrem giftigen Atem zu schützen.

Wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, sind wir mit Staub und Spinnweben überzogen, haften Gerüche an uns. Wir kennen uns aus mit Holzböden, Motten, Fliegen, Spinnen und Wanzen; wir können ein Lied singen von den eiskalten Steinplatten, den flüsternden Latten, dem grundlos zitternden Schrank, der weichen Wolle der Tapisserien und dem Leuchter, der bei jedem Husten klirrt. Wir kehren aus dem Land der Kisten, dem Land der Hüllen, dem Land der Teppichrollen, dem Land der Archivkartons zurück: Es ist als hätte das Meer, eine wunderbare Ladung an Land geschwemmt hat.

Château de Brissac
© Photo, Manfred Heyde

Auf Ersuchen der Verantwortlichen der französischen Museen hatte mein Vater 1939 akzeptiert, dass das Schloss als Lagerungsort für Kunstobjekte diente, die die Regierung vor den Bombenangriffen schützen wollte. Sie wurden in der Gemäldegalerie, im großen Salon und im Speisesaal in Sicherheit gebracht. Brissac beherbergte sechs Jahre lang die Archive der Comédie française, einen Teil des Mobiliars des Elysée-Palastes und der Botschaft von Großbritannien in Paris, die Sammlung, die Isaac de Camondo 1914 dem Louvre übergeben hatte und später auch den Wandteppich-Zyklus der Apokalypse aus Angers, der zwischen 1375 und 1380 für Ludwig I. von Anjou gewebt worden war. Er war 600 Jahr alt und wir waren 4!